Linard Nicolay
Skulpteur
Acht Steine
 
Plastik ist eine umfassende Bezeichnung für die Körper bildende künstlerische Betätigung, die in vergangenen Epochen durch hinzufügen von Material Motive aus der Natur mimetisch in eine dreidimensionale Form brachte; Skulptur bedeutet ein direkt aus Stein gehauenes durch Abtrag geformtes Werk. In diesem Sinne sind die neuen Arbeiten von Linard Nicolay geradezu archetypische Skulpturen: acht behauene Bruchsteine aus Laser Marmor als Stoff der künstlerischen Betätigung.
 
Es mutet auf den ersten Blick anachronistisch an, in unserer mehr und mehr von virtuellen computergenerierten Welten durchsetzten Wirklichkeit seine Vorstellung der Welt buchstäblich in Stein zu meisseln. Oder anders formuliert: Was teilen uns die acht Steine von Linard Nicolay mit?
 
Eine erste Antwort gibt die genaue Betrachtung der Werke selbst. Die gebrochenen paketgrossen Blöcke behalten zunächst ihre Naturform, die durch die künstlerische Bearbeitung ausgewählter Flächen und Kanten ergänzt und kontrastiert wird. Auch die eingearbeiteten Formen sind organisch, das heisst selber wieder der Natur entlehnt. Die bildhauerische Zeichnung umhüllt den Stein ringsum, es fehlt deshalb eine eindeutige Verortung der fertigen Skulptur, die in verschiedene Positionen auf einen Sockel platziert werden kann. Die acht Steine verdrängen nicht nur Raum, sondern beziehen durch Öffnungen den umgebenden Raum mit in ihre Wirkung ein; die Beziehungen zwischen Volumen und Raum sind unterschiedlich, je nachdem ob die Körpermasse als geschlossene oder als offene raumgreifende Form erscheint.
 
Im Zentrum der bildnerischen Aussage stehen nicht klassische Themen der Skulptur, wie Monumentalität oder Allegorie, sondern der Stein an sich. Linard Nicolay macht die Eigentümlichkeit des Materials Stein, dessen Aufbau, Härte und Form, mit seinen präzisen Eingriffen erst sichtbar. Öffnungen entstehen, wo sie künstlerisch gewollt und technisch möglich sind; Formen, wo sie die Natur angedeutet hat. Ihre Wirkung entfalten die Skulpturen in der Spannung zwischen den natürlich belassenen und den behauenen Flächen. So verstanden stehen die acht Steine nicht nur für sich selber, sondern können als Anspielung für das bedrohte Gleichgewicht zwischen zivilisatorischem Fortschritt und der Verletzlichkeit der Natur gelesen werden.
 
Jürg Graser, Architekt Zürich
Vorwort im Katalog zur Ausstellung im Alten Botanischen Garten;
Zürich, im Juni 2008

 
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Einleitende Worte von Walter Lietha
Vernissage Einzelausstellung Sagogn, am 23.Juni 07
 
Wenn diese Steine Stimmen hätten, würden sie singen.
Etwa das Lied von "Odi et Amo" – Liebe und Hass, so der Titel einer Skulptur von Linard Nicolay.
So alt wie dieses Lied ist des Menschen Wunsch aus Stein mit Hammer und Meissel eine ideale Form, ein Wesen herauszuarbeiten, das wie er meint im Stein schon immer schlummert.
Womit wir schon beim Golem wären, dem vom Menschen aus Lem zum Leben erweckten Ungeheuer, mit welchem nun aber Linard wohl kaum etwas zu tun hat.
Schon eher mit "Steimännli" und "Steinfrauen", welche als Wegmarken oder als Gipfelpunkte seit jeher die rätischen Alpen markiert und verziert haben, als optische Koordinaten zur Orientierung der Hirten und Säumer und als Opfergabe an die "Grosse Mutter Madrisa".
Aufgewachsen in Bergün, diesem stattlichen Bergdorf am Albulapass, also am Scheitel von Norden und Süden Europas, waren Felsen und Steine in Linards Jugend die dominante Prägung. Eine rauhe Bergwelt, welche zierliche Kleinode, wie etwa den Palpugnasee, wie Perlen behütet. Gab es etwa darum diesen Drang, Bruchstücken dieser unbarmherzigen, biomorphen Gesteinsmassen eine persönliche Form und Interpretation zu verleihen?
Nicolay hat nach der Ausbildung zum Lehrer und Sekundarlehrer sehr behutsam und schrittweise den Weg zur Kunst eingeschlagen. Fünf Jahre Kunststudium in Paris lehrten ihn Theorie und Geschichte, bevor er sich danach in Carrara und Bologna im Handwerk des Skulpteurs und Steinbildhauers weiterbildete. Somit ist Linard gewiss kein Autodidakt, im Gegenteil, er liess sich akademisch in die Geheimnisse der Geschichte und Wissenschaft um die Kunst einweihen, was wir auch jetzt, anlässlich seiner ersten Einzelausstellung mit Genugtuung feststellen können. Sehr genau weiss Linard Nicolay, wo er mit seiner Kunst steht und sich in die Wahrnehmung einschalten möchte.
1966 geboren, gehört er einer Generation an, die nicht mehr unbekümmert und naiv wie die Blumenkinder, sich um die akademischen Lehrmeinungen foutierten - er weiss genau was Kunst in der Gegenwart bedeutet, was sie vermag und wie sie der Willkür des Marktes untersteht.
 
Am Beginn der Arbeit steht die Zeichnung. Nicolay beginnt mit der figürlichen, gegenständlichen Darstellung, um sie von dort her zu abstrahieren, so wie es die Künstler der historischen Avantgarde getan haben, die damals zum Kubismus gelangten. Danach folgt das Modellieren, bevor es an die Arbeit am Stein geht. Dabei werden eigene Formvorstellungen entwickelt, welche im ganzen Stein enthalten sind, reduziert auf geometrische Grundformen. Die Ausgewogenheit und Spannung wird zum eigentlichen Energiefeld innerhalb der Skultur. Dazu kommen bei Nicolay die unterschiedliche Behandlung der Oberfläche, die in einer dialektischen Formsprache eine optische Reflektion beim Betrachter auslösen. Immer wird der Künstler auch vom Stein, seiner Beschaffenheit und Maserierung geleitet, ein Prozess, bei dem er sich während der Arbeit von der materiellen Metamorphose des Geschehens, durch die ästhetische Empfindung der proportionalen Ganzheit, lenken lässt. So werden einzelne Flächen oder Körperteile glatt poliert und stehen im Gegensatz zu den strukturierten, reliefartigen oder unbehandelten Teilen.
Raum und Licht sind wesentliche Elemente der Wirkung dieser Objekte.
Nicolay arbeitet detailbesessen und genau. Seine hier präsentierten Arbeiten aus sechs Jahren zeigen das Spannungsfeld vom Biomorphen zum abstrakten, von den bewegten "Feuilles d’Automne" zu den statischen, abstrakten Torsi.
Insofern knüpft der Künstler an das Thema der Bildhauer der Moderne an, deren Werke auf ihn sichtlich Einfluss übten. Von Rodin über Henry Laurens, Brancusi, Moore bis zu Chillida reichten die Wurzeln vom Expressionismus bis zum Informel.
Es ist ein grosser Moment für die Kunstfreunde Graubündens, einen begabten, ernsthaften Künstler mit dieser ersten Ausstellung willkommen zu heissen und ich wünsche ihm für seinen weiteren Weg viel Resonanz und Anteilnahme.

 
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© 2008 Linard Nicolay

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